Forschung

Zu meinen Forschungsschwerpunkten zählen:

  • Migration und Flucht, v.a. mit Fokus auf Bildung, Gesundheit, Geschlecht
  • Integration, Partizipation, Zugehörigkeit
  • (Sozio-)Demographie von Fluchtbewegungen
  • Krisennarrative
  • Transformationsprozesse der Zivilgesellschaft

Aktuelle und bisherige Forschungsprojekte:

  • Stadt Wien und Zivilgesellschaft – Kooperationspotenziale in Flüchtlingshilfe und Klimaschutz (2023-2024): Erhebung des Potenzials zivilgesellschaftlichen Engagements für die Stadt Wien durch durchführbare und effektive Formen der Teilhabe, strukturelle Rahmenbedingungen und Strategien eines produktiven Umgangs mit Konflikten zwischen Engagierten und Stadtverwaltung; gefördert vom WU Jubiläumsfonds der Stadt Wien

  • Vermittlung von Migrationswissen und Bedingungen seiner Produktion an Jugendliche und junge Erwachsene in den Wiener Flächenbezirken (2022–2024): Projekt zur Förderung des Verständnisses von und Vertrauen in faktenbasiertes Wissen in einer demokratischen Gesellschaft; in Kooperation mit Die Chefredaktion des Magazins biber

Weitere Informationen zu meinen Forschungsprojekten finden Sie hier.

Laudation von Cornelius Obonya für Judith Kohlenberger für den Anas Shakfeh-Preis 2024

Sehr geehrte Ehrengäste, liebe Verwandte von Judith, liebe Freunde von Judith, liebe Mitmenschen!

Diese Frau existiert! Judith Kohlenberger existiert. Man kann das nachlesen, wer möchte. Und da steht dann folgendes:

Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin an der Wirtschaftsuniversität Wien, dem Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip) und dem Jacques Delors Centre der Hertie School in Berlin. Sie ist Spre- cherin des Integrationsrats der Stadt Wien und Host des Podcasts „Aufnahmebereit“. Ihr Buch „Das Fluchtparadox“ (2022) war österreichisches Wissenschaftsbuch des Jahres und für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert.

Mehr steht da manchmal nicht.

Eigentlich fehlt da aber noch was. Woher stammt Sie? Wer waren, oder hoffentlich noch, sind die Eltern? Gibt es Kinder? Hunde? Hendln? Wo wohnt sie, was macht sie in der Freizeit?

Nun, das entscheidet dann wohlweislich Judith Kohlenberger selbst, was da noch weiter drinnen stehen soll, im Netz, dem Internet, dem Zwischennetz, dem Netz zwischen den Menschen, den Institutionen, den Gewalten, den Computern, also zwischen uns allen. Und sie bewegt sich darin, wie ein Fisch im Wasser. Sie kennt das Netz, eigentlich alle Netze, die es so gibt.

Die Netzwerke der Radikalen und der Hilfbedürftigen, der Ausgrenzer und der von der Welt und der immer schneller tickenden Informationsdurchlauferhitzer Vergessenen.

Ach ja, doch: eine Information gibt es noch. Judith Kohlenberger ist geboren worden. Und zwar am 6. Dezember 1986 in Eisenstadt im Burgenland. Könnte ein Vorzeichen gewesen sein. Geboren zu sein am Jahrestag des von den Christen der Welt, wegen seiner übergroßen selbstlosen Hilfsbereitschaft – ich erinnere z.B. an das Wunder der Heimführung des Verschleppten Kindes – hochverehrten Nikólaos

Myriṓtēs, des Nikolaus von Myra. Und in demjenigen Jahr geboren worden zu sein, in dem die sog. Waldheim-Affäre der 2. Republik Österreich klargemacht hat, dass blinde Pflichterfüllung und die daran unweigerlich anschließende Lüge nach aus- sen und Selbstlüge nach innen kein gutes und schon gar kein ewiges Vermächtnis guten und reinen Seins in eben dieser Republik sein können. Endlich und gültig. Leider, wie wir in diesen Tagen sehen können, noch immer nicht endgültig.

Und geboren worden zu sein im Burgenland. Dort zu Lande wissen sie noch, wie es sich anfühlt erst ganz spät zum und zu Staate gekommen zu sein. Eine kurze Zeit staatenlos gewesen zu sein.

Wie gesagt, dies alles hätte ein Vorzeichen sein können. War aber gar nicht nötig.

Judith Kohlenberger hat alles ohne große Vorzeichen geschafft, was sie geschafft hat. Was sie geschaffen hat, muss man sagen.

Das Studium hat sie absolviert und zwar so, dass daran anschließend Arbeiten in die Welt der Wissenschaft gekommen sind, die an einer gewissenhaftesten Ab- solvierung eben dieses Studiums keine Zweifel aufkommen lassen können.

Publikationen, wie eben „Das Fluchtparadox“ von 2022 sind innerhalb kürzes- ter Zeit in den Geruch gekommen ein Standardwerk werden zu können. Und auch die jüngsten Texte sind wohl ebenso einzuschätzen.

Judith Kohlenbergers, wie geschrieben wurde, persönlicher Essay „Grenzen der Gewalt“: Berichte von der Peripherie Europas.

Ich darf die Presseaussendung zum Weltflüchtlingstag kurz zitieren: „Die Auto- rin macht die Gräuel greifbar, die Menschen in Bosnien, Ungarn, Griechenland und anderen Staaten täglich erfahren. Aber auch österreichische Grenzpolizisten und Grundwehrdiener, Flüchtlingshelfer:innen, Ärzte und Anwältinnen erzählen darin von Zeugenschaft und Hilfslosigkeit, von bürokratischer Grausamkeit und politi- schem Versagen.

Kohlenberger zeigt schonungslos, dass die Menschenrechte aller und das Prin- zip der Rechtsstaatlichkeit in Europa durch anhaltende Grenzgewalt auf dem Spiel stehen. Doch sie präsentiert auch einen Ausweg: die Demokratisierung der Grenzen. Nicht gänzlich offen oder geschlossen, sondern durchlässig sollen sie sein. Nach klaren Kriterien, über die beide Seiten – Aufnehmende und Migrationswillige – mitbestimmen dürfen.“

Ach, schau an. Wir könnten Menschen – und das betont Judith Kohlenberger immer wieder, dass es Menschen sind, über die wir alle ständig hier sprechen, schreiben oder gar richten – wir könnten Menschen, die aus welchen Gründen auch immer Ihre Heimat verlassen haben – und das tut niemand freiwillig, niemand auf diesem ganzen weiten Planeten – mitbestimmen lassen, was mit Ihnen geschehen soll und manchmal auch muss? Das ist neu. Besonders für Österreich.

Oder „Gegen die neue Härte“: Wie Gesellschaften verrohen. Und ich zitiere wieder aus der Presseaussendung: Judith Kohlenberger richtet den Blick nach innen und liefert eine große Gesellschaftsanalyse der Gegenwart. Die These: Seit der Fluchtbewegung 2015 haben wir uns schrittweise in die Härte als Kulturtechnik eingeübt. Das an den Rändern erprobte „harte Durchgreifen“ wird von autoritären Entwicklungen im Inneren begleitet.

Oder vielleicht viel besser in Judith Kohlenbergers eigenen Worten – ich darf ganz leicht gekürzt zitieren:

„Die Demokratie ist für uns eine gut geölte, reibungslos funktionierende Maschine, die zwar manchmal Ermüdungserscheinungen zeigt (, aber im Großen und Ganzen das aufrechterhält, was uns versprochen wurde: Dass wir in Würde und Gleichheit und unsere Grundrechte unveräußerlich und unantastbar sind. Mag die Unzufriedenheit mit den und die Empörung über die Regierenden noch so groß sein, insgeheim lässt uns eine essenzielle Überzeugung dann doch Nacht für Nacht gut schlafen: Dass uns Europäer*innen das, was auf Lesbos, in Belarus, in Bosnien,

Kroatien, auf Ceuta oder in der Ägäis geschieht, nämlich eine wissentlich und wil- lentlich herbeigeführte Rechtlosigkeit, nicht passieren kann.

Diese Grundannahme möchte ich … nachhaltig erschüttern. Grundrechte kann man nicht einfach für die einen abstellen, während sie für die anderen weiter gel- ten. Sie sind, wie es die amerikanische Schriftstellerin und Ikone der Bürgerrechts- bewegung Maya Angelou so treffend formulierte, wie Luft: Entweder alle haben sie, oder niemand hat sie. Schutzsuchende, Marginalisierte und Minderheiten erfüllen in westlichen Demokratien deshalb die Funktion eines Kanarienvogels in der Kohlemine, der Bergleute vor einem drohenden Sauerstoffverlust warnte: Bleibt ih- nen die Luft weg, weil man ihnen Grund- und Menschenrechte verwehrt, so wird es auch für uns bald brenzlig werden. Man muss weder tief in die Geschichte zurück- gehen noch geografisch weite Distanzen überbrücken, um die Beschneidung der Rechte von Marginalisierten und Ausgegrenzten, den poor and huddled masses yearning to be free, als Einfallstor für illegitime Tendenzen und Verletzungen der Grund- und Freiheitsrechte zu erkennen. Nicht von ungefähr werden die Rechte von Asylsuchenden in Ländern wie Polen und Ungarn mit Füßen getreten, also genau dort, wo die Rechtsstaatlichkeit generell oft nur mehr wie eine vage Empfeh- lung statt wie ein grundlegendes demokratisches Prinzip wirkt. Symptomatisch dafür mag der Umstand stehen, dass ausgerechnet der Begriff „Pushback“, also das völkerrechtswidrige Zurückweisen von Schutzsuchenden an der Grenze, häufig durch Einsatz von Gewalt, zum deutschen Unwort des Jahres 2021 gewählt wurde – wohlgemerkt in einem Jahr, das von Inzidenzen, Impfdurchbrüchen und Omikron geprägt war.

Nicht erst seit dem Fluchtherbst 2015 wurde der Umgang mit Schutzsuchen- den zum Lackmustest der europäischen Demokratie – den wir (…) oft mehr schlecht als recht bestehen. Und manchmal fallen wir einfach durch.“

Der international angesehene Publizist und Europa-Experte Paul Lendvai nennt das „Fluchtparadox“ „eine erkenntnisreiche und anregende Analyse einer der brisantesten gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart“.

„Die Perspektive von Judith Kohlenberger ist bedingungslos menschlich. Mit ihrem wissenschaftlichen Werkzeug und ihrem Blick auf die Wirklichkeit. Das macht das Buch wertvoll, manchmal verstörend, immer anregend“, so die bekannte TV- Journalistin Isabel Schayani.

Nun, Presseaussendungen und lobende Worte sind natürlich immer auch Werbung für das in die Welt auszusendende Buch. Dennoch. Solche Worte verdient man sich durch etwas, was selten geworden ist und weswegen wir alle nun hier sind und Judith Kohlenberger einen Preis – und nicht den ersten – verleihen. Nämlich beherzte Klugheit und unendlich kluges Herz. Wie sagte Frau Shayani: bedingungslos menschlich.

Oh, das könnte für manche schwer an ihren Entscheidungen zu tragen haben- de Männer gefährlich werden.

Eine denkende Frau, die wirklich existiert. Auch da ist Judith Kohlenberger nicht die einzige, aber sie ist eine ganz besonders existierende!

Ihre Analysen sind immer unaufgeregt und immer glasklar und bedürfen kei- ner weiteren Erklärungen. Man lese Ihre Bücher und Texte oder höre ihr zu, wenn Sie in Ihrem podcast „Aufnahmebereit“ mit Gästen diskutiert, wie moderne Migrati- on aussehen könnte.

Mit anderen Worten: Judith Kohlenberger macht etwas, was speziell, so kommt mir vor, derzeit fast überall in unserer doch noch immer sehr reichen, sehr verwöhnten, vollkaskoversicherten Lebenswelt verloren gegangen ist. Sie macht sich Gedanken, anstatt Abendbrot.

Und hier beginnt meiner Meinung nach eine Bringschuld, speziell von allen hier Anwesenden – und ich nehme mich ganz persönlich hier nicht – ganz und gar nicht – aus.

Wenn diese vielleicht letzte Rede dieser Veranstaltung ver- und der letzte Ge- danke an die Preisträgerin im nächsten Glas Champagner abgeklungen ist, wenn wir nach Hause oder wohin auch immer gehen, dann haben wir die Bringschuld dieser Preisträgerin Judith Kohlenberger die vielleicht größte Ehre zu erweisen, die sie sich längst verdient hat. Nämlich ihre Bücher tatsächlich zu lesen, ihre Thesen tatsächlich zu diskutieren – und sie weiter zu geben.

Es macht – und das sollten wir alle auch ohne Judith Kohlenberger verstanden haben – keinen Sinn, sich nicht mit Migration zu beschäftigen. Lösen müssen wir das große Problem so und so.

Judith Kohlenbergers Beruf ist es, sich damit zu beschäftigen, sie und viele andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geben uns ununterbrochen Lö- sungsvorschläge an die Hand, wie wir diese sog. – besonders von den, alle Hand- lungsmöglichkeiten habenden, fleißig einander in politisch kalkulierender Dreistig- keit zunickenden Mitmenschen, benannt werdende „größte Krise der Menschheit“ tatsächlich lösen könnten.

Dann haben, bei derzeitigem Stand der Umfragen, etwa 56% bis 60% der Österreicherinnen und Österreicher eine große Bitte: Hört auf Expertinnen und Experten wie Frau Judith Kohlenberger und tut es endlich!

Bevor die identitär verirrten Abschottungsspezialisten und Festungsbaumeister des neuen, ewig Gestrigen uns alle – und ich betone – alle – final überrennen.

Dem kann man also was entgegenhalten. Übrigens mit Freude und Zuversicht. Auch das eine Spezialität der Judith Kohlenberger. Es gibt sie tatsächlich – eine immer lächelnde, ja lachende Migrationsforscherin. Auch das ist neu für unser Land. Eine fröhliche Expertin. Hören wir auf sie.

Liebe Judith, es war mir eine Ehre und Freude, Dir diese Laudatio gehalten haben zu dürfen. Ich darf Dir für Deine Freundschaft danken. Und wenn wir uns bei unserer gemeinsamen NGO Courage – Mut zur Menschlichkeit, eine NGO, die sich für legale Fluchtwege einsetzt, wieder mal ein paar Gedanken anstatt Abendbrot

machen, dann spüre ich jedes Mal das Glück, dass es Dich gibt. Herzlichen Glückwunsch zum wohlverdienten Anas Shakfeh – Preis 2024.

Vielen Dank.